„Im Akaziengarten sollen die Bäume fallen“

Frankfurter Rundschau vom 7.7.2005
Im Akaziengarten sollen die Bäume fallen

Verein fordert Erhalt des denkmalgeschützten Parks / Mehr als 700 Unterschriften gesammelt / Stadt plant Wohnpark

Im Akaziengarten in der Nähe der Arbeitsagentur plant die Stadt den Bau von mindestens fünf Stadtvillen. Ursprünglich waren auf dem Gelände 14 geplant. Der Verein „ProAkaziengarten“ wertet dies als Teilerfolg, lehnt aber weiter jegliche Bebauung der Frischluftschneise ab.

Darmstadt, 6. Juli

Der Akaziengarten zwischen Haardtring und Groß-Gerauer Weg ist als Erholungsraum beliebt. Das zeigt allein, dass der aus einer Bürgerinitiative entstandene Verein „ProAkaziengarten“ mehr als 700 Unterschriften sammeln konnte, die gegen die Pläne der Stadt protestieren, dort einen „Wohnpark“ zu errichten. Nachdem der Verein bereits im vergangenen Jahr 434 Unterschriften eingereicht hatte, sammelten die 50 Mitglieder weiter.
„Unsere Arbeit hat erste Früchte getragen“, sagt Vereinsvorsitzender Joachim Scharrmann. Das Bauamt habe signalisiert, dass von den ursprünglich 14 geplanten Häusern nur noch „zwischen fünf und sieben“ errichtet würden. „Das sind uns aber immer noch zu viele.“ Der Verein lehnt jegliche Bebauung ab.
Der Park soll als Frischluftschneise erhalten bleiben. Auf dem Gelände stehen zum Teil alte Bäume, die noch zu großherzoglichen Zeiten gepflanzt wurden, darunter Maulbeerbäume, Akazien, Kiefern, Linden und Eichen. „50 Prozent der Stämme haben einen Durchmesser von über einem Meter“, sagt
Vizevorsitzende Mascha Wembacher. Die Bäume sorgten für eine Verbesserung der Stadtluft und filterten Feinstaub aus der Luft.

Kritik an den Grünen

Das Land Hessen, noch Besitzer des Parks, plant, Teile an einen Investor zu veräußern. Die rot-grüne Stadtkoalition begrüßt im Rahmen ihres politischen Programms „innerstädtische Verdichtung“ die Bebauung. Der Magistrat hat bereits zugestimmt. Besonders verärgert ist der Verein darüber, dass sich
die Grünen als Verfechter der Bebauungspläne erwiesen. „Es ist absurd, dass wir die Grünanlagen vor den Grünen schützen müssen“, sagt Scharrmann. Bei Begehungen hätte sich die grüne Stadtprominenz wenig einsichtig gezeigt. Einzig aus der Basis würden kritische Stimmen laut.
Die grüne Stadtverordnete und Vorsitzende des Umweltausschusses, Doris Fröhlich, weist die Kritik nur zum Teil zurück. „Wir haben den Verein so weit es ging unterstützt“, sagt sie. „Unser Programm ?innerstädtische Verdichtung? muss aber zum Allgemeinwohl weiter verfolgt werden.“ 700 Wohneinheiten wolle Rot-Grün pro Jahr neu schaffen, davon 80 Prozent in bereits erschlossenen Gebieten. Um Nachverdichtung handele es sich auch im Akaziengarten, denn es werde nicht im Park gebaut, sondern in den Lücken zwischen den Altbauten, die den Park säumten. Fröhlich räumt aber ein, dass sie dem Verein mehr entgegenkommen wollte: „Meine Position ging weiter, sie hat sich nicht durchgesetzt.“
“ Da der Bau von Tiefgaragen das Wurzelsystem der Bäume stark beeinträchtigt, könnten noch nicht einmal einige wenige alte Bäume auf den Flächen erhalten bleiben“, heißt es in einem Offenen Brief der Initiative „ProAkaziengarten“ an die Stadtverordnetenversammlung. Der Verein fürchtet zudem mehr Verkehr durch zusätzliche Zufahrten von der Schepp-Allee und von der Eschollbrücker
Straße aus.
Für bedenklich halten die Vereinsmitglieder auch die Altlasten: Das Gelände durchzieht ein unterirdisches Gang- und Bunkersystem, das im Zweiten Weltkrieg dem Transport zwischen den einzelnen damals als Lazarette genutzten Häusern diente. Munitionsfunde seien nicht auszuschließen. Im Jahr 1978 wurde zudem auf dem Gelände die ehemalige Chemotechnische Schule der Fachhochschule abgerissen. „Der Boden ist stark belastet“, sagt Scharrmann. Vereinsmitglieder hätten beim Investor, dem Hessischen Immobilienmanagement, Einsicht in ein Gutachten nehmen können. „Es kommt zu dem Ergebnis, dass
eine Bebauung mit Risiken verbunden ist.“

Kommentar: Bäume ab

Wie viele Grünanteile hat die grüne Stadtpartei noch? Schwer zu beantworten. Eines aber ist sicher: Darmstadt muss sich schon bald von einigen Grünanteilen im Stadtbild verabschieden. Nach den Bäumen im Park der Oetinger Villa, die der Nordostumgehung weichen sollen, wird die Axt nun auch an die Stämme im Akaziengarten angelegt. Selbstverständlich ist die Schaffung von stadtnahem, bezahlbarem Wohnraum lobenswert, wie es das rot-grüne Programm „innerstädtische Verdichtung“ vorsieht. Die Mitglieder des Vereins „ProAkaziengarten“ argumentieren auch gar nicht dagegen. Zu Recht führen sie vielmehr an, dass davon genügend vorhanden wäre, würden bereits vorhandene Ressourcen ausreichend genutzt. Beispielsweise kündigten die US-amerikanischen Streitkräfte jüngst an, noch
mehr Kasernen in der Stadt verlassen zu wollen. Da hilft es den Grünen nicht zu argumentieren, dass die Pläne des Landes Hessen, den Akaziengarten zu verkaufen, schon älter seien. Oder dass das Programm „innerstädtische Verdichtung“ zum Allgemeinwohl durchgezogen werden müsse. Die Grünen heißen so, weil sie einmal als Ökopartei antraten. Dazu gehörte einst auch der Schutz der Bäume.

Autor: Frank Schuster