„Kleinod soll bebaut werden“

Bessunger Neue Nachrichten, 15.07.05
Ist der Akaziengarten bald ohne Erholungswert?

(rh). Im Jahr 1817 nach den Napoleonischen Kriegen wurde der Akaziengarten als „Notstandsarbeit“ angelegt. Bis in die heutige Zeit hinein hat sich der denkmalgeschützte Park im Geviert zwischen Eschollbrücker Straße, Haardtring, Schepp Allee und Groß-Gerauer Weg seinen waldähnlichen Charakter bewahrt. Die strahlenförmig in ein mittig gelegenes Rondell führenden gepflegten Wege sind gesäumt mit
stilvoll verzierten Laternen auf sechskantige Betonmasten und die teilweise bis zu 150 Jahre alten Maulbeerbäume und Akazien laden zum Flanieren ein. Der Baumbestand trägt auch zur Reinerhaltung der Luft bei, wie Anwohnerin Mascha Wembacher weiß. Rund eine Tonne Feinstaub könne ein einziger Baum jährlich
aus der Luft filtern. Ganz abgesehen von den 40 Tierarten, meist Vögel, die sich in diesem Park tummeln.
1914 wurde der Garten mit Lazarettgebäuden umbaut, die zum größten Teil noch heute erhalten sind. Hier sind mittlerweile Bürgerwohnungen sowie Bürogebäude des Landesrechnungshofs untergebracht.

Doch seit letztem Jahr regt sich Unmut bei den Anwohnern dieses Kleinods mit Erholungwert. Bereits die Ende letzten Jahres begonnene Bebauung der 36 Mietwohnungen durch die Bauverein AG im Westteil des Parks stieß auf Kritik und Unverständnis (wir berichteten). Es half dennoch nichts. Trotz aller Proteste ist die denkmalgeschützte Mauer an der Eschollbrücker Straße mittlerweile auf einer Strecke von etwa 10 Metern für die spätere Zufahrt weggerissen worden und die Bauten stehen bereits im Rohbau. Jetzt haben sich die Anwohner zu einem gemeinnützigen Verein „Pro Akaziengarten“ zusammengeschlossen, um einer weiteren Bebauung des in Landesbesitz befindlichen Akaziengartens zuvor zu kommen. Denn: Seit einiger Zeit plant nun das „Hessische Immobilienmanagement“ (HI), den Park an einen privaten Investor zu verkaufen. Auch die Stadt Darmstadt würde wohl die Bebauung des Akaziengartens im Rahmen einer „innerstädtischen Bebauung begrüßen, hieß es bei einer Pressekonferenz am 6. Juli unter freiem Himmel
inmitten des Parks.

Geplant ist eine weitere Errichtung von 14 sogenannten „Stadtvillen“ im östlichen Teil des Gartens, dem sogenannten „Fliederberg“. Dort stand einst eine chemotechnische Ingenieurschule, auf derem Grund große Mengen von Chemikalien im Erdreich vermutet werden, die beim Abriß vor 30 Jahren hier vergraben wurden,
haben die Vereinsmitglieder beim damaligen Abbruchunternehmer vor kurzem nachrecherchiert. Ein Gutachten, daß vom HI in Auftrag gegeben wurde, sagt zudem aus, daß eine Bebauung dieses Areals mit hohen Risiken behaftet sei. „Das ist natürlich ein Sahnestück für jeden Investor“, stellt Vereinsvorsitzender Joachim Scharrmann fest. „Wir haben Sorge, daß es uns genauso ergeht, wie den
Anwohnern von gegenüber“, ergänzt Uwe Wasserthal, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative. Dort, wo einstmals 48 Woheinheiten standen, befindetet sich heute ein Discountermarkt mit weit über 100 Parkplätzen.

Die „Bessunger Neue Nachrichten“ wollten es genau wissen und haben bei Baudezernent Dieter Wenzel nachgefragt. „Das Gelände gehört dem Land Hessen und wird vom Landesrechnungshof mitbenutzt“, so der
Baudezernent. „Alle politischen Parteien der Stadt haben in der Vergangenheit Begehungen im Akaziengarten unternommen und es gab eigentlich keinen Dissens im Bezug auf eine Bebauung. Wir waren allesamt der Meinung, daß – im Gegensatz zum Westteil – der Ostbereich des Parks nicht unbedingt erhaltenswert ist und sind daher auch der Auffassung, in diesem Bereich etwas zu machen“, so Wenzel weiter. „Allerdings“, betont der Baudezernent, „haben wir uns für eine ‘behutsame’Nachverdichtung ausgesprochen, das heißt, von 14 geplanten Häusern sind gerade mal noch fünf übriggeblieben. Wir haben
also wesentlich reduziert. Und da die Stadt laut Flächennutzungsplan jährlich 700 neue Wohneinheiten ausweisen muß, aber keinerlei neue Baugebiete hat, müssen wir 80 Prozent aus vorhandenen Siedlungsgebieten ausweisen (wie der Ernst-Ludwig-Park) oder aber nachverdichten“. Zur angeblichen Verschmutzung des Erdreichs meinte Wenzel, daß laut städtischen Nachforschungen Chemikalien in größerem
Umfang hier nicht lagern. „Ich kann die Anwohner des Akaziengartens verstehen, insbesondere auch das Engagement der Kinder, die dort weiterhin spielen wollen, aber ein völliges Verschließen gegen Bauwünsche
kann ich nicht machen“, so der Baudezernent abschließend gegenüber dieser Zeitung.